Wer die Wahl hat, hat die Qual. So richtig schlimm wird es, wenn die Schule wieder beginnt.

Jeden Morgen stehe ich vor meinem Kleiderschrank, wie ein Bankier nach einem Banküberfall vor seinem leer geräumten Tresor. Zwar unterscheiden sich unsere beiden Zustände von der Tatsache, dass in meinem Schrank 99% des Stauraumes belegt sind mit Bekleidung und ich nicht vor einem zurückgelassenen, hemmungslos geplünderten Tresor stehe, doch wir teilen denselben Gemütszustand.

„Da ist nichts“ und es fühlt sich an, als ob der letzte Shoppingmarathon bereits etliche Jahre zurückliegt. Sechs Pullover, vier Jeans, drei Hosen, vier Röcke, fünf Jacken, drei dicke und weniger Wärme schenkende Mäntel, kurz und lang, an die 20 Oberteile allein für warme Tage, für lauwarme, für Regenwetter, für Ich-mag-mich-heute-nicht-aufstylen-Tage, für heute-elegant-Tage, für heißes und brechheißes Wetter.

Weitere 20 Oberteile für den kalten Winter, den unentschlossenen Winter, den Jahrhundert-Winter, für die Jahrhundertflut, für den Schlabberlook, für die Schau-Mich-An!-Tage, für den Frühling und den Herbst. Für Januar, Februar, März, April, Mai und Dezember, in allen Farbkombinationen je nach Saison in negro, deepskyblau, saddlebraun, hotpink, navajoweiß, peachpuff, khaki und whitsmoke.

30 Paar Schuhe, wobei die sich nicht einmal in diesem besagten Kleiderschrank befinden, sondern in einer neu errichteten Lagerhalle in unserem Garten inklusive einem Smart, der die gewünschte und benötigte Geschwindigkeit und Wendigkeit aufbringt, kommt einem die Strecke von 500 Metern eines Regals nicht mehr so lang vor, selbst der Weg zur lagereigenen Tankstelle ist ein Katzensprung.

Aber das tut nichts zur Sache, denn ich habe verdammt noch mal nichts zum Anziehen in meinen Kleiderschrank!

Aber das tut nichts zur Sache, denn ich habe verdammt noch mal nichts zum Anziehen in meinen Kleiderschrank! Allein der Gedanke morgens aufzustehen und in Kenntnis dieses unlösbaren Problems zu sein, lässt mein Bedürfnis wachsen, eine noch innigere Liaison mit meinem Bett einzugehen.

Gleich wird es also wieder so weit sein. Ich werde mich in meine übliche Denkerpose vor dem alten, braunen, zur Not übernommenen, da geerbt, eigentlich viel zu kleinen Schrank positionieren. Mit einem Bein fest im Boden verankert, dem anderen leicht angewinkelt und etwas nach vorne geneigt, lege ich meinen rechten Ellenbogen auf die Handfläche des linken Armes, stemme meine Finger an mein Kinn, womit sie die ganze Last des schwer grübelnden Kopfes tragen und sacke in meiner Körperhaltung leicht zusammen.

Würde ich nicht in Unterwäsche dastehen, hielte man mich mit Sicherheit für eine hochkronzentriert nachdenkende in-Mathe-einen-Punkte-habende Persönlichkeit, die soeben kurz davor ist am Beweis von 1 + 1 zu scheitern.

Es befindet sich schlicht und ergreifend nichts, aber auch rein gar nichts in meinem Kleiderschrank. Allein nach der körperlichen Haltung, hat mein modisches Ich bereits resigniert. Kombinieren, Farbe abstimmen, an Typ und Gemütslage anpassen…

All diese Komponenten, die letztendlich zum perfekten Outfit führen, sind die einzigen Gedanken, die durch meinen Kopf rasen, sich gegenseitig überholen und den Punkt sich zu treffen permanent verpassen. Jetzt die komplette Inneneinrichtung meines braunen Kleiderbehältnisses durch zu wühlen, dafür bleibt keine Zeit. Also wie vorgehen?

Am Abend vorher bereits verschiedene Kombinationen ausprobieren? Geplantes zu Recht Legen? Wo bleibt denn da die Spontanität. Mein Gefühlszustand kann sich über Nacht drastisch ändern, je nachdem über welchen Inhalt meine Träume verfügen oder mit welcher Stimmung ich mich ins Bett begebe.

Nehmen wir an ich war in einem fröhlichen Zustand – vor Energie nur so sprühend, Bäume ausreißend bis Krombacher umschaltet auf Spendensammlungen für Waisenkinder – und hätte mir also eine bestimmte dazu passende Garderobe zurecht gelegt.

Doch nach einer langen, schier Ewig dauernden Suche und einer Endlosschleife an Krämpfen vom Wühlen, hat sich meine Stimmungslage eben drastisch verändert. Demnach muss eine neue Aufmachung her. Beim besten Willen, selbst als Schülerin hat man nicht genügend Zeit, um sie zu verschwenden. Es muss doch aber auch anders gehen.

Was machen eigentlich die modischen männlichen Wesen dieser Welt, wenn sie sich morgens ankleiden? „Ich nehme das erste T-Shirt vom T-Shirtstappel und die erste Hose vom Hosenstappel, dazu ein Paar Socken und Schuhe, eine Prise Gel in die Haare und fertig.“ So hat mir es einer meiner männlichen Freunde vor kurzem geschildert.

Das ist geplant, festgelegt, schnell, ordentlich und beruht auf jahrelangen Studien. Würde ich so vorgehen, würde ich beim Stylecheck der Provokant schneller durchfallen, als bei der Aufnahmeprüfung der Universität Harvard. Mich würde eine breit gefächerte Masse an Menschen permanent verfolgen, sei es mit entsetzten Gesicht oder mit Phrasen wie „Hast du dich im Dunkeln angezogen?“.

Diesem psychischen Druck möchte ich mich auf keinen Fall aussetzten. Während mir genau diese Gedanken durch den Kopf schwirren, sind wieder bereits genügend kostbare Minuten verloren gegangen, in denen ich mir eine passende Garderobe hätte aussuchen können. Und mit der Annahme, dass ich mit Sicherheit nicht in Unterwäsche in die Schule gehe, muss ich wohl oder übel jeden Tag etwas anhaben.

Sonst wäre ich wohlmöglich schon längst als „Das halbnackte Mädchen“ in der Schule bekannt. Also ziehe ich einen braunen kurzen Rock an, eine schwarze Strumpfhose, da es heute etwas kälter ist, ein schwarzes langärmliges Hemd, meine blaue heißgeliebte Jacke und dazu meine braunen Lieblingsballerinas.

Kaum bewege ich mich in der breiten Masse der Menschheit spricht man mich an. „Mir gefällt dein Outfit.“ Es hat also doch jemand meine notgedrungene Mixtur an Klamotten bemerkt. Aber wie gesagt, dem psychischen Druck möchte ich mich nicht aussetzten!